Tennis News: Für Jannik Sinner (25) ist die Saison vorzeitig beendet, sein rechtes Knie zwang ihn zu einer langen Pause. Im großen Interview mit der Repubblica spricht er über den Umgang mit der Verletzung, seine Rivalität mit Carlos Alcaraz und den schwersten Tag seines Lebens. Das Gespräch fand zwischen August und Oktober statt.
Jannik Sinner: Saisonaus wegen des rechten Knies
Kanada, Cincinnati, New York, die Asien-Tour und die ATP Finals in Turin musste Sinner allesamt auslassen. Zurückkehren könnte er womöglich beim Six Kings Slam in Riad zum Jahresende, zudem hat er für den One Point Slam am 13. Januar gemeldet. Dieser findet in der Auftaktwoche der Australian Open statt. Bis dahin bleibt ihm noch etwas Zeit.
Dabei lief die Saison vor der Verletzung beeindruckend. 44 seiner 47 Matches gewann Sinner, unter anderem gegen Alcaraz, Tiafoe, Medvedev und Jódar. Am 12. Juli verteidigte er mit einem Finalsieg gegen Zverev seinen Titel in Wimbledon. Umso bitterer ist der Zwangsstopp mitten in einer so starken Phase.
Sinner im Interview: Geduld als Schlüssel
Ungewöhnliches habe er im Sommer nicht erlebt, erzählte Sinner, gelangweilt habe er sich aber auch nicht. Er besuchte die Formel 1 in Monza und eine Gucci-Modenschau in Mailand, spielte etwas mehr PlayStation und begann einen 600-Seiten-Roman von Giorgio Faletti. Für einen Spieler, der sonst im Wochentakt reist, war das ein ungewohnter Alltag.
Stillgestanden habe er aber nie, vielmehr habe er viel im Kraftraum, auf dem Platz und mit den Physiotherapeuten gearbeitet. Geduld sei das richtige Wort für diese Zeit. Der Körper sei der einzige Gegner, den man nicht schlagen könne. Verletzungen gehörten zum Sport, den Unterschied mache die Arbeit und nicht das Glück. Sein Blick richtet sich also klar auf die lange Sicht.
Jannik Sinner: Plädoyer für junge Athleten
Deutlich bezog Sinner Stellung zu Kristina Liutova, die im Juli mit 16 Jahren als Qualifikantin das WTA-250-Turnier in Memphis gewann. Er mache nicht die Regeln, doch warum solle man Jugendlichen eine schöne Geschichte nehmen? Der Sport biete jungen Menschen Chancen, ohne nach dem Ausweis zu fragen. Damit stellt er sich klar gegen Bedenkenträger.
Als Beispiele nannte er Lamine Yamal, mit 19 Jahren Weltmeister mit Spanien, und Kimi Antonelli, der in der Formel 1 debütierte, als er noch keinen Führerschein hatte. Mit dem Rennfahrer tauscht sich Sinner regelmäßig über Persönliches und den Umgang mit anderen aus. Ob er einen Slam gegen einen Formel-1-Sieg tauschen würde, hält er für eine müßige Frage.
Sinner über Alcaraz: Rivalität lebt von Gegensätzen
Das Faszinierende am Tennis sei, dass es Unterschiede sichtbar mache und wertschätze, glaubt Sinner. Aus diesen Unterschieden entstehe die Rivalität, jeder finde jemanden, mit dem er sich identifizieren könne. Genau diese Vielfalt macht für ihn den besonderen Reiz seiner Sportart aus.
Im Duell mit Alcaraz werde er womöglich als disziplinierter und hartnäckiger Champion wahrgenommen, der Rivale dagegen als mediterran und extravagant. Gerade das sei schön, jemanden zu haben, der einen ans Limit treibe. Von Borg und McEnroe über Sampras und Agassi bis zu Federer, Nadal und Djokovic habe das Tennis immer davon gelebt.
Jannik Sinner: Der schwerste Tag hat nichts mit Tennis zu tun
Den Tag, den er am liebsten vergessen würde, verbindet Sinner weder mit der Finalniederlage gegen Alcaraz in Paris 2025 noch mit dem Halbfinal-Aus gegen Djokovic in Melbourne. Es sei der Abschied von zu Hause gewesen. Mit dreizehneinhalb Jahren habe er sich in Mailand von seinem Vater verabschiedet, beide hätten geweint. Selten gewährt Sinner so tiefe Einblicke.
Zugleich habe ihm diese Erfahrung Stabilität gegeben. Er habe gelernt, dass eine Entscheidung immer neue Dinge bringe und andere koste. Eine so teure Entscheidung dürfe man nicht verschwenden, sondern müsse ihr mit Einsatz, Beständigkeit und Arbeit gerecht werden. Diese Haltung erklärt vieles an seinem bisherigen Weg.
Jannik Sinner: Der Blick geht wieder auf den Platz
Einfache Momente würde Sinner dagegen gerne noch einmal erleben: einen Wintersonntag beim Skifahren mit Freunden in den Dolomiten, Zeit mit der Familie oder eine Kartfahrt bei Cuneo mit Antonio Giovinazzi und Giulio Ciccone. Er brauche Adrenalin, um die Langeweile fernzuhalten. Die Liebe zur Geschwindigkeit verbindet ihn also mit Antonelli.
Eine Autobiografie plant Sinner nicht, vielleicht spreche man in 20 Jahren darüber. Er sei noch jung, ziehe Schläge den Worten vor und wolle eine lange Karriere. Nun habe er den Kopf über die Linien heben müssen, wolle ihn aber wieder auf den Ball senken. Ob in Riad oder beim One Point Slam im Januar: Die Rückkehr ist das erklärte Ziel.
