Fußball heute: Wenige Tage nach der Trennung von Jonas Boldt stellt sich Martin Kind demonstrativ hinter Sandro Wagner. Im Interview mit der Sport Bild kündigt der Klubboss von Hannover 96 zudem Investitionen im Winter an und geht mit dem früheren Sportchef hart ins Gericht. Für den Zwölften der 2. Bundesliga zählt jetzt nur die Rettung.
Hannover 96: Martin Kind stärkt Sandro Wagner den Rücken
„Die Mannschaft hat sich unter ihm kontinuierlich entwickelt. Sandro Wagner hat unser Vertrauen. Ziel ist es, den Klassenerhalt zu sichern“, sagte der 82-Jährige. Rückenwind liefert das 2:1 gegen Dynamo Dresden, der erste Sieg unter dem 38-Jährigen – auch wenn Wagner nicht ganz zufrieden war. Elf Punkte nach zehn Spielen bedeuten nur drei Zähler Vorsprung auf Rang 18.
Finanziell will Kind deshalb im Winter nachlegen. „Ein Abstieg wäre ein Drama. Das werde ich mit allen Mitteln verhindern, ich werde sehr konsequent eingreifen“, kündigte er an. Ein Absturz sei nach seiner Rechnung immer noch teurer, als in dieser Saison nochmals kräftig zu investieren. Wagner darf damit auf Verstärkungen in der Winterpause hoffen.
Jonas Boldt: H96-Boss Kind rechnet mit dem Ex-Sportchef ab
Beim Thema Boldt klingt Kind dagegen wenig versöhnlich. Dass dessen Abgang und die von ihm angeordnete Entlassung von Christian Titz „deutliche Mehrkosten“ verursachen, sei angesichts der sportlichen Lage zweitrangig. Das Verhältnis zum 44-Jährigen ist längst zerrüttet. „Es war zum Schluss ein Irrtum“, sagte der Klubboss.
Kind zufolge verstand sich Boldt eher als Vorstandschef denn als Sportverantwortlicher. „Wir haben ihn als Geschäftsführer Sport eingestellt, aber er hat sich gedanklich schon differenziert eingeordnet. Da begannen die ersten Missverständnisse.“ Erst im Juni hatte Boldt bis 2029 unterschrieben, am vergangenen Samstag setzte ihn der Aufsichtsrat nach nur fünf Monaten ab.
Martin Kind: Boldts Ausflug vor dem Derby sorgt für Ärger
Auch das Zeugnis für die sportliche Arbeit fällt kritisch aus. „Es gab Transferentscheidungen, die waren nicht ganz stressfrei. Nach meiner Einschätzung, und das haben mir auch einige Fachleute bestätigt, ist unsere Mannschaft schwächer geworden.“ Hinzu kam ein Trip, der für Kopfschütteln sorgte: Kurz vor dem Niedersachsen-Derby nahm Boldt an einem Hyrox-Event auf einem Kreuzfahrtschiff teil.
Fans wie Aufsichtsrat reagierten verärgert, zumal Eintracht Braunschweig das Duell mit 2:0 gewann. „Ein Geschäftsführer hat Vorbild zu sein, er sollte am meisten arbeiten – und nicht am meisten Freizeit haben“, so Kind. Ins Detail ging er nicht, ein klärendes Gespräch mit Boldt steht aber vorerst nicht an. „Für mich sind Ehrlichkeit und Vertrauen die Basis für eine Zusammenarbeit.“
H96-Trainer Wagner: Titz-Aus nach nur einem Punkt aus fünf Spielen
Dabei war Boldt mit großen Plänen angetreten. Wie Fussballdaten berichtet, wollte er den gesamten Verein modernisieren und die Grundlage für die Rückkehr in die Bundesliga legen. Aus Sicht des Kontrollgremiums lieferte er demnach vor allem im Kernbereich Sport nicht. Holprig verlief schon der Sommer, als Titz Verstärkungen für Mittelfeld und Angriff wollte, die Boldt nicht finanzieren konnte.
Die Folgen zeigten sich schnell. Nach nur einem Zähler aus fünf Zweitliga-Partien setzte Boldt die Entlassung des 52-Jährigen durch und holte Wagner. Der neue Coach konnte die Anhänger zunächst nicht überzeugen, viele hatten dessen Vorgänger geschätzt. Dass ausgerechnet der von Boldt installierte Trainer den Sportchef nun überdauert, macht Kinds Bekenntnis umso bemerkenswerter.
H96 News: Schmadtke, Becker und der Transferstopp
Begonnen hatte das Durcheinander allerdings schon früher. Wie Transfermarkt berichtet, arbeitete Boldts Vorgänger Jörg Schmadtke mit einer externen Scouting-Agentur zusammen und überging dabei Sportdirektor Ralf Becker. Dem droht demnach nun ebenfalls die Entlassung. Nach Schmadtkes Abschied verhängte Kind einen Transferstopp, erst unter Boldt lief die Planung wieder an.
Kein Wunder also, dass der Verein wieder als Chaos-Klub gilt. Die Personalwechsel und der schwache Saisonstart haben dieses Image zurückgebracht, nachdem es im Vorjahr verblasst war. „Das finde ich nicht toll, weil wir grundsätzlich eine sehr stabile Struktur entwickelt haben – und wir hätten vergangene Saison aufsteigen können, am Ende wurden wir leider nur Vierter“, sagte Kind.
2. Bundesliga: Hannover sucht Ruhe – und einen neuen Sportchef
Beim Neuanfang dient ausgerechnet die jüngere Vergangenheit als Maßstab. Laut Sport Bild sucht Hannover als Boldt-Nachfolger einen „Typen wie Marcus Mann“. Der war im vergangenen Winter zu RB Salzburg gewechselt – unter ihm und Titz war das alte Etikett zuvor in Vergessenheit geraten. Klubboss Kind, der die Insolvenz vor rund 30 Jahren abwendete, will endlich wieder Ruhe.
Sportlich wartet am Sonntag beim 1. FC Heidenheim die nächste Bewährungsprobe, zugleich das letzte Spiel vor der Länderspielpause. Vorher steht laut Bild ein intensiver „Transfer-Gipfel“ mit Wagner an. Gelingt nach dem Erfolg gegen Dresden der nächste Schritt, verschafft sich das Team vor der Pause etwas Luft – und Kinds Bekenntnis zum Coach bekommt neues Gewicht.
