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Klopps erste Kaderformel: «Ins Fliegen» kommen

Der neue Bundestrainer muss erstmals konkrete Personalentscheidungen treffen. (Archivbild)

Frankfurt/Main (dpa) – Jetzt stellt wirklich Jürgen Klopp die Mannschaft auf. Den respektlosen «Noch»-Spruch zur Personalauswahl von Vorgänger Julian Nagelsmann bei der WM hat er mehrfach öffentlich bedauert. Wenn der 59-Jährige am Donnerstag (10.00 Uhr) sein Aufgebot für den mit großen Hoffnungen in ihn verbundenen Neustart der Fußball-Nationalmannschaft nach dem Amerika-Debakel beruft, ist die Spannung natürlich riesig. 

Dortmund, München, Stuttgart, Augsburg, Mainz. Klopp war auf Tour. Besuchte in ein paar Wochen gefühlt mehr Spiele als Nagelsmann in einer Saison und postete dann noch ein paar private Fotos vom Besuch seines alten Gymnasiums im Schwarzwald. Gruppenbild mit Teenagern. So viel Zeit musste sein. Sehen – und auch ein bisschen gesehen werden. Darauf versteht sich Klopp.

Für die letzten Details schiebt der Bundestrainer kurz vor der großen Verkündung jetzt noch ein paar Büroschichten im DFB-Campus mit seinen engsten Vertrauten ein. Diskussionsthemen gibt es reichlich. Comeback von Torwart Marc-André ter Stegen, Fitnesstest für WM-Pechvogel Nico Schlotterbeck, Treuebekenntnisse für Jamal Musiala und Florian Wirtz und ganz viel Schwung durch junge, unverbrauchte Namen? Das Kandidaten-Bingo läuft nach drei Bundesliga-Spieltagen auf Hochtouren. 

Viele neue Kandidaten

Said El Mala, Nicolo Tresoldi, Vitali Janelt, Finn Jeltsch, Dzenan Pejcinovic, vielleicht sogar Paris Brunner, auch wenn der in Frankreich mit einer geschmacklosen Jubelgeste gerade wieder negative Schlagzeilen liefert. Wegen seiner guten Form wird plötzlich Schalkes Torwart Loris Karius zum Kandidaten. Spekuliert wird viel. An manche Namen müssen sich Fußball-Fans vielleicht noch gewöhnen. Und Klopp steht vor der Frage, wie radikal ein Generationenwechsel mit Blick auf die EM 2028 jetzt vollzogen werden kann.

Die konkreten Antworten folgen, wenn Klopp 55 Tage nach seiner Präsentation wieder auf dem Podium in der DFB-Zentrale Platz nimmt. Wen zaubert Kloppo dann als Trainer-Magier aus dem Hut? Wie will der Motivationsexperte die DFB-Elf aus dem radikalen Stimmungstief führen? Und wie reagiert er auf erste Rückschläge durch erste Verletzungen?

 «Spielen wird, wer sehr gut ist, Riesenbock hat und in dem Moment, wo er das Trikot anzieht, noch ein bisschen besser wird, so ins Fliegen kommt.» Dieser Klopp-Satz von Ende Juli steht als erstes Mantra für den 13. Chefcoach der DFB-Historie fest. Alle für die DFB-Elf spielberechtigten Akteure hatten seither Zeit, ihre Bewerbung abzugeben. 20 + x aus 57 lautet jetzt die Klopp-Formel. 

Denn 57 potenzielle Feldspieler hatte Klopp gleich bei seiner Amtsübernahme nach einem YouTube-Studium ausgemacht. Vielleicht war die Zahl auch nur so dahin gesagt. Das Reservoir mutet jetzt aber riesig an. 

Mehr Spieler als in UEFA-Regeln möglich

Für die Spiele in den Niederlanden (24. September), gegen Griechenland (27. September), gegen Serbien (1. Oktober) und in Griechenland (4. Oktober) wird er mehr als die von der UEFA in Artikel 28 der Regularien für die Nations League festgelegten 23 Akteure pro Spiel nominieren. Das gilt als sicher.

Bis zu 27 könnten es schon werden, hört man. Vielleicht sogar an die 30? Dann müssen ein paar eben auf die Tribüne. Klopp will beim intensiven Länderspiel-Quartett im neuen Abstellungsfenster keinen Spieler verbrennen. Er will schauen und probieren. Was passt? Wer passt? Wer zieht mit beim von ihm geliebten und gelebten Powerfußball. Tempo und Intensität sind gefragt. Der Stil ist wichtiger als Namen. 

Glaubt man jedem Bericht und jedem Gerücht, dann müsste Klopp sogar zwei volle Kader berufen. So ist das in Transformationszeiten, wenn viele sich Hoffnungen machen. Festgelegt hat sich Klopp, dass er mit starken Flügeln spielen will und mit einer Viererkette in der Abwehr. Und das führt gleich zur Königspersonalie. 

«Ich werde jetzt hier keine Positionen verteilen oder sagen, wo einer nie wieder spielen wird oder wo er jetzt immer spielen wird», wiegelte Klopp zwar schnelle Entscheidungen ab. Doch als Fakt gilt: Joshua Kimmich, an dessen Kapitänsrolle es keine Zweifel gibt, soll wieder ins Zentrum. Das fordert nicht nur Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der Kimmich als «Quarterback» bezeichnete. 

Rechter Außenverteidiger wird weiter gesucht

Also braucht Klopp einen neuen rechten Außenverteidiger. Josha Vagnoman spielt beim VfB Stuttgart konstant gut. In Leipzig schwächelt Ridle Baku hingegen. Beiden hatte Nagelsmann die WM nicht zugetraut. Und Frankfurts Elias Baum fehlt womöglich noch Konstanz. 

Praktisch alle Entscheidungen Klopps bergen Brisanz. Auf der Torhüterposition wird das auch deutlich. Natürlich könnte er den kompletten Neustart ausrufen und Richtung EM 2028 auf Bayern-Backup Jonas Urbig (23) bauen. Doch warum alles riskieren? Ter Stegen, bei Ajax Amsterdam wieder im Rhythmus, wäre die Variante Safety first. Klopp weiß, dass gute Ergebnisse die härteste Trainerwährung sind. Euphorie entsteht durch Erfolg, nicht durch Perspektive. 

Personal für das bevorzugte System

Beantworten muss Klopp die Systemfrage. Spielt er wie erfolgreich in Liverpool praktiziert im 4-3-3? Das Personal spricht eher für das bewährte 4-2-3-1. Schnelle Außenbahnspieler braucht er in jedem Fall. Und da empfehlen sich gerade einige Kandidaten, die bei Nagelsmann dabei waren, dann aber keine WM-Berücksichtigung fanden. 

Kevin Schade sorgt wie Teamkollege Janelt bei Brentford in der englischen Premier League für Aufsehen. Und Karim Adeyemi hat unter Hansi Flick beim FC Barcelona wieder richtig Fahrt aufgenommen. Im Gegensatz zu Leroy Sané, der bei Galatasaray nicht in Schwung kommt und zur Generation 30+ gehört, die um die DFB-Zukunft kämpfen muss. 

Seinen WM-Blues nicht ablegen konnte Stürmer Nick Woltemade, einer der drei Elfmeter-Fehlschützen gegen Paraguay, mit dem Wechsel von Newcastle United zu Juventus Turin. «Ich glaube, viele Spieler werden schon die gleichen sein», mutmaßte er im Sommer über einen gar nicht so radikalen Klopp-Umbau. 

Nun könnte es Big Nick aber erwischen. Fakt ist, dass Rekordtorwart Manuel Neuer und Abwehr-Routinier Antonio Rüdiger ihre DFB-Karriere beendet haben. Leon Goretzka und Assan Ouedraogo sind verletzt. Sie spielen in Klopps erster Kaderformel keine Rolle.