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Handball-Kapitän Golla: „Mentale Gesundheit ernsthaft gefährdet“

Spielte acht Jahre für die SG Flensburg-Handewitt: Johannes Golla - und will wieder zurück. (Archivbild)

Man stelle sich vor, Joshua Kimmich wechselt von München nach Dortmund – drei Monate später will der Nationalmannschaftskapitän wieder zurück zu den Bayern. Heftige Diskussionen in der Fußballszene wären die Folge. Im Handball ist genau das passiert: Johannes Golla hat sich mit seinem Rückkehrwunsch kurz nach seinem Wechsel von Flensburg-Handewitt nach Melsungen großen Wirbel ausgelöst. Der 28 Jahre alte Kreisläufer steht unter gewaltigem Druck.

Handball-Kapitän Golla: Was ist das Problem beim Wechsel?

DHB-Kapitän Golla ist im Sommer von Flensburg nach Melsungen gewechselt – und will nach wenigen Monaten wieder zurück. Gollas Familie stammt aus Hessen, die MT Melsungen lockte mit einem Fünfjahresvertrag. Nicht auf der Rechnung hatte er allerdings, wie sehr der Familie der Abschied von der Förde zusetzt. Die Gollas haben dort geheiratet, zwei Kinder bekommen, ihr soziales Umfeld aufgebaut. Heimweh – darum gehe es nicht, das Wort sei zu schwach gewählt, sagte Golla nun: „Menschen, die mich gut kennen, haben längst gesehen, dass meine mentale Gesundheit ernsthaft gefährdet ist.“

Gollas Vertrag wurde nach dpa-Informationen am Montag vergangener Woche außerordentlich zum nächstmöglichen Zeitpunkt hilfsweise gekündigt. Sein Vertrag in Melsungen läuft bis 2031. Es gibt im Vertrag eine Ausstiegsklausel nach drei Jahren, die dort festgeschriebene Ablöse soll dem Vernehmen nach bei 500.000 Euro liegen.

MT Melsungen und SG Flensburg: Wie reagieren die Vereine?

Der Zauber der Golla-Rückkehr zu seinem ersten Proficlub ist verflogen. Der Kreisläufer war als Herzstück der Mannschaft eingeplant. Für Melsungen geht es nun um eine gesichtswahrende Lösung mit möglichst großem Profit. „Wir hatten und haben langfristige Pläne mit ihm. Wir müssen deswegen grundsätzlich Vertragstreue einfordern. Aber zu einem Vertrag gehören immer zwei Seiten“, sagte MT-Vorstand Andreas Mohr. Der „FAZ“ sagte er: „Die Enttäuschung auf allen Ebenen ist groß bei uns. Aber wenn wir das Thema nun auf der emotionalen Ebene weiterspielen, haben wir nur Verlierer.“ Das Dilemma müsse sachlich gelöst werden, und es liege an Flensburg, „ein vertretbares Angebot“ zu machen.

Golla war in Flensburg als Kapitän eine Identifikationsfigur und bundesweit ein Aushängeschild des Vereins. Natürlich hat die SG ein Interesse daran, die Rückkehr möglich zu machen – weil sie davon profitieren würde. Der Club hat kurz- und mittelfristig am Kreis ohnehin Bedarf, da die Verträge von Arnar Arnarsson (2027) und Blaz Blagotinsek (2028) auf absehbare Zeit auslaufen und der angestrebte Wechsel von Nationalspieler Justus Fischer (THW Kiel) platzte.

Dass Golla 2028 für eine bestimmte Summe zu haben sein wird, war den Flensburger Verantwortlichen seit Längerem klar. Aber die Dringlichkeit, mit der ihr Hall-of-Fame-Mitglied nun schon 2027 zurückkehren will, dürfte auch die SG überrascht haben. „Wir haben das nicht geplant. Wenn es in seinem Vertrag eine Möglichkeit gibt, ihn zu bekommen, ist es interessant für uns. Wir können eine Lösung finden. Johannes macht jede Mannschaft besser“, sagte Sportchef Ljubomir Vranjes der „FAZ“ und bestätigte Gespräche mit Melsungen.

Golla-Wechsel: Könnte es auch sportliche Gründe geben?

Bei Gollas Vertragsunterzeichnung 2024 war Michael Allendorf noch Sportchef in Melsungen. Jesper Larsson folgte am 1. Mai dieses Jahres. MT-Trainer Roberto Garcia Parrondo wechselt im nächsten Sommer zu PSG Paris, Nachfolger wird Berlins Meistertrainer Jaron Siewert. Die Zukunft von anderen Topspielern außer Golla ist ebenfalls ungewiss. Hingegen kommen zur neuen Saison die portugiesischen Rückraumstars Francisco und Martim Costa nach Flensburg. Dafür waren dem Vernehmen nach 2,4 Millionen Euro Ablöse fällig. Geld scheint in Flensburg vorhanden zu sein.

Gut einen Monat vor dem nächsten Länderspiel der Nationalmannschaft am 5. November in Berlin gegen Belgien sorgt die Personalie für Aufsehen. Der Deutsche Handball-Bund will dem Vernehmen nach schnell klare Verhältnisse. Lange vor der am 13. Januar beginnenden Heim-WM soll die Angelegenheit geklärt sein. Die Frage ist auch, ob Golla die Nationalmannschaft als Kapitän bei der WM anführen kann. Momentan gibt es keine Indizien dafür, dass Golla die Binde verlieren wird. Bundestrainer Alfred Gislason hält große Stücke auf seinen Spielführer.

Handball-Wechsel Golla: Was sagt das Arbeitsrecht dazu?

Sollte ein Arbeitnehmer sich bei einer Vertragskündigung auf eine mentale Erkrankung berufen, müsse dies „durch entsprechende ärztliche Gutachten nachgewiesen sein“, sagte Markus Bohnau, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner im Düsseldorfer Büro der Kanzlei Kliemt. „Und dann käme man dazu, ob es wirklich die einzige Möglichkeit ist, durch fristlose, sofortige Beendigung des Vertrages ihm gesundheitlich zu helfen, oder ob nicht zunächst Umstände angepasst werden können, um ihm zu helfen, damit besser klarzukommen.“

Bei Profisportlern gebe es bislang eigentlich keine echten Präzedenzfälle. Generell bedürfe es bei einem Aufhebungsvertrag einer Einigung beider Parteien, betonte Bohnau. Geld spiele dabei natürlich eine Rolle. „Es gibt sogar Spieler, die zahlen dann einen Teil der Summe, die erforderlich ist, um die Unterschrift zu bekommen, selbst.“

(dpa)

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