Jeff Bezos gibt Milliarden aus, Thomas Müller und Mats Hummels immerhin einige Millionen, und Lionel Messi legt sich langsam ein Portfolio zu. Das Interesse von Investoren am europäischen Fußball scheint ungebrochen. Im Sommer übernahmen die Ex-Weltmeister Müller und Hummels mit weiteren Teilhabern den portugiesischen Erstligisten Estrela Amadora für dem Vernehmen nach 40 Millionen Euro. Messi steht kurz vor dem Kauf des spanischen Zweitliga-Aufsteigers CD Eldense, den Fünftligisten UE Cornella besitzt er bereits.
Fußball-Investoren: Wandel bei Motiven für Millionen-Deals
Die Investorengelder sprudeln offenbar – doch woran liegt das? „Es hat einen Wandel gegeben“, sagt Sportökonom Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Vor einem Jahrzehnt habe es viele sogenannte Sugar-Daddys gegeben, also Investoren, bei denen eher die soziale Anerkennung als wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stand. Roman Abramowitsch beim FC Chelsea ist so ein Beispiel. „Heute sehen wir vermehrt Investoren, die eine wirtschaftliche Rendite suchen.“
Allerdings sind Fußballclubs spezielle Investments. Große Gewinne aus dem normalen Geschäft werfen sie nicht ab. Der FC Bayern München hat 2024/25 einen Gewinn von 27 Millionen Euro erzielt. Zum Vergleich: Die deutschen Dax-Unternehmen verbuchten zuletzt einen durchschnittlichen Gewinn von 2,8 Milliarden Euro. Bei einem Fußballclub steht eben maximaler sportlicher Erfolg bei wirtschaftlicher Stabilität statt Gewinnmaximierung im Vordergrund.
Europas Ligen: Aufstiegschancen locken US-Investoren
Was macht Investments – gerade in Europa – dann trotzdem interessant? Es geht um Fantasie und Wertsteigerung. „Es gibt eine hohe Dichte an professionalisierten Clubs und die Ligen sind offen, es gibt die Möglichkeit des Aufstiegs“, erklärt Breuer.
Das ist ein entscheidender Unterschied zum Profisport in den USA, wo die Eliteligen eine geschlossene Gesellschaft sind. „In den USA sind die Preise in den Himmel geschossen“, sagte Gerry Cardinale, Eigner der AC Mailand, der Financial Times: „Also schaut man nach Europa. Es ist eine Chance, sich in die globale Unterhaltung mit Rabatt einzukaufen.“
2016 waren 17 europäische Clubs in der Hand von US-Investoren, zehn Jahre später sind es 117. Der Rapper Snoop Dogg hält Anteile an Swansea City. Die Schauspieler Ryan Reynolds und Rob McElhenney schrieben mit dem walisischen Provinzclub Wrexham eine wohl einmalige Erfolgsgeschichte, indem sie den Zweitligisten durch eine TV-Show zu einer globalen Marke aufbauten – drei Aufstiege inklusive.
FC Liverpool und Co.: Abstiegsrisiko trifft auf Milliarden-Chancen
Bei Aufstiegen oder der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb habe man im Fußball laut Breuer dann „Sprunggrößen, die weitaus höher als in der normalen Industrie sind“. Letztlich sei es aber ein Rattenrennen, da eine Vielzahl von Clubs um begrenzte Plätze konkurriere. Im Gegensatz zum US-Sport gibt es auch Abstiege, die das Risiko signifikant erhöhen.
Die Chancen sind allerdings ebenso signifikant. Mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre waren die Wertsteigerungen im US-Sport im Vergleich zum Börsen-Leitindex S&P 500 mindestens doppelt so hoch. Diesen Wert erreichten europäische Clubs im selben Zeitraum nicht, was die Fantasie zusätzlich anregen dürfte.
Der durchschnittliche Wert eines NFL-Teams lag 2025 bei sieben Milliarden Dollar. Da wirken die 2,4 Milliarden Euro, die eine Investorengruppe um Amazon-Boss Bezos für fast 40 Prozent des FC Liverpool zahlte, wie ein guter Deal.
Und es gibt noch eine andere Zahl, auf die gerade US-Investoren schauen. Den Umsatz pro Fan. Eine etwas schwammige Kennziffer, da die genaue Anzahl an Fans eines Teams nicht korrekt bestimmt werden kann.
„Zudem behaupten viele Investoren aus den USA mit Blick auf europäische Clubs, dass diese im Vergleich mit dem US-Sport nicht systematisch kommerzialisiert sind. Dort sehen sie ebenfalls Potenzial“, sagt Breuer. Die Kanzlei Clifford Chance schreibt in ihrem Branchenbriefing aus dem März dieses Jahres: Der europäische Fußball liegt bei der Vermarktung „10 bis 20 Jahre hinter dem US-Sport“.
Real Madrid gegen NBA und NFL: Umsatz pro Fan im Vergleich
Real Madrid ist der umsatzstärkste Club Europas. Pro Fan machen die Königlichen 2,57 Dollar Umsatz. Zum Vergleich: In der Basketball-Liga NBA sind es 28,25 Dollar pro Fan, beim ebenfalls durchkommerzialisierten Football der NFL gar 140 Dollar. Es kann also nachvollziehbar sein, wenn US-Investoren noch Luft nach oben sehen – zumal der Fußball ein globaler Sport ist. Vergleicht man allein die Ticketpreise, so kommt man in Europa als Fan noch glimpflich davon. Dasselbe gilt für Fanartikel wie Trikots.
Doch so einfach dürfte die Rechnung nicht aufgehen. In Europa haben Clubs eine höhere soziale Funktion, so dass eine wirtschaftliche Ausbeutung der Fans oft nicht im Interesse der Eigner ist. Weltweit betrachtet, sind Fans in einigen afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Ländern zudem oft nicht in der Lage, mehr Geld auszugeben.
Hertha BSC: Wie Windhorsts Millionen zum Fluch wurden
Es gibt im Fußball zudem genügend Beispiele, dass Investments in die völlig falsche Richtung gehen. In Deutschland sorgte der Unternehmer Lars Windhorst 2019 mit einem Investment von 125 Millionen Euro in Hertha BSC für Schlagzeilen, das später auf 374 Millionen wuchs. Doch statt in der Champions League fand man sich vier Jahre später in der 2. Liga wieder. Windhorst war da längst wieder weg, hatte seine Anteile an den nächsten Investor verkauft.
Die Millionen werden so zum Fluch. „Eine mit zu viel frischem Geld aufgeblähte Kostenstruktur lässt sich nur schwer wieder zurückfahren. Hertha BSC ist ein gutes Beispiel hierfür“, sagt Breuer. Es gebe auch Beispiele, wie ein Investor mit einer gewissen Marketingnaivität einen ganzen Club umkrempeln wollte: „Von den Farben, über das Logo bis zum Heimtrikot. Das schafft Widerstände und kann dann schnell nach hinten losgehen.“
(dpa)
